Vollständiges Digitalisat der von Scamozzi annotierten Serlio-Ausgabe


Das von Vincenzo Scamozzi annotierte Exemplar der Serlio-Ausgabe Venedig 1551 in der Bibliothek des Zentralinstituts steht der Forschung vollständig im ‚Open Access’ online zur Verfügung, und zwar über den Multimedia-Server des Bibliotheksverbunds Bayern (BVB).

 

 

Erläuterungen zu dem Exemplar

Das nun als Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung in der Bibliothek des ZI (Signatur: 4° CA 255/505 Rarissima) befindliche Exemplar der 1551 in Venedig gedruckten Sammelausgabe von Sebastiano Serlios ersten fünf Büchern wurde 2010 auf der Antiquariatsmesse im Grand Palaisbekannt. Es stammt aus der Bibliothek des berühmten Vicentiner Architekten Vincenzo Scamozzi (1548–1616). Auf der Titelseite hat Scamozzi sein Exlibris geschrieben. Scamozzi hat den Inhalt andiversen Stellen kurz eigenhändig kommentiert. Seine Postillen konzentrieren sich auf das vierte Buch über die Säulenlehre und besonders auf das dritte Buch über die antiken Bauten. Die Eigenhändigkeit der Notizen ist belegt durch die Übereinstimmung mit den Schriftzügen Scamozzis, für die viele Zeugnisse erhalten sind; eine der Postillen ist sogar mit vollem Namen signiert.

 

Unter Humanisten war es üblich, Postillen in Bücher zu schreiben; von Künstlern und Architekten ist so etwas dagegen nur ausnahmsweise bekannt. Scamozzi bildet die bei weitem markanteste Ausnahme. Schon im 18. Jahrhundert wurde darüber berichtet. Es waren bisher etliche Bücher mit Exlibris von seiner umfangreichen Bibliothek bekannt, darunter auch einige, die er annotiert hat: meist Schriften zur Architektur, zudem ein Rom-Führer und die Giunta-Edition von Vasaris‚ Viten‘.

 

Zu Serlio hatte Scamozzi eine besondere Beziehung. 1584 brachte er, anscheinend basierend auf Vorarbeiten seines Vaters, eine neue Sammelausgabe von Serlios Werken heraus, die nun alle sieben Bücher umfasst, leicht redigiert und ergänzt ist mit einem Index, der zugleich, generell ähnlichwie die Postillen, das kritisch kommentiert, auf was er verweist. Die Postillen könnten im Zusammenhang mit der Vorarbeit für die Edition entstanden sein, aber konkret belegbar ist die Vermutung nicht. Zwei von ihnen entstanden nach 1579 bzw. 1582; einige passen inhaltlich zum Index.

 

Spuren eines zweiten, weitgehend getilgten Exlibris mit dem Datum 7. Mai 1654 auf der Titelseite zeugen davon, dass Scamozzis Serlio-Exemplar in den Besitz des französischen Malers und Kunsttheoretikers Charles-Alphonse Dufresnoy (1611–1668) gelangte. Dufresnoy weilte 1634 bis 1656 in Italien. 1653/54 hielt er sich für achtzehn Monate in Venedig auf. Dort erwarb er anscheinend Scamozzis Serlio-Exemplar. Auch er schrieb einige flüchtige Notizen hinein. Sie unterscheiden sich deutlich durch Handschrift und Schreibstift von denjenigen Scamozzis.

 

Seine heutige Form scheint Scamozzis Serlio-Exemplar zur Zeit der Erwerbung durch Dufresnoy bekommen zu haben. In Venedig wurde das Buch anscheinend neu gebunden und mit seinem jetzigen Pergamenteinband versehen. Dabei wurden die Seiten allseits um ca. 13 mm beschnitten, aber die Ränder, auf denen Scamozzis Postillen geschrieben sind, blieben pietätvoll ausgespart, die erhaltenen Papierstreifen wurden eingeknickt.

 

Der anscheinend unrestauriert im Originalzustand erhaltene Pergamenteinband mit tiefem Falzund ausgeprägten Buchdeckelrändern, ursprünglich mit Lederschliessen versehen, der auf dem Buchrücken eine Titelbeschriftung in brauner Tinte trägt, lässt sich nach Auskunft des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung (IBR) der Bayerischen Staatsbibliothek mit ausreichender Zuverlässigkeit als italienischer Gebrauchseinband des 17. Jahrhunderts einordnen. Möglicherweise wurde er sogar von Dufresnoy selbst in Venedig vor seiner Rückkehr nach Frankreich in Auftrag gegeben.

 

Zu späterer Zeit, wahrscheinlich aufgrund einer Verkaufsabsicht, sind der Besitzvermerk „AlphonseDufresnoy“ auf der Titelseite und ein möglicherweise von gleicher Hand stammender mutmaßlicher Provenienzvermerk auf der Impressumseite mit einem chemischen Bleichmittel getilgt worden (Auskunft des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek). Auch mit UV-Licht konnte der Vermerk unter dem Impressum bisher nicht wieder lesbar gemacht werden. Seine Entzifferung würde uns wahrscheinlich verraten, wie Dufresnoy das Buch erworben hat.

 

Die spätere Überlieferungsgeschichte von Scamozzis Serlio-Exemplar bis zu seinem Bekannt werden im Pariser Antiquariatsbuchhandel bleibt bislang im Dunkeln. Vermutlich war das Buch seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich. Auf der Rückseite des Vorsatzblattes findet sich ein französischer Vermerk des 18. Jahrhunderts (?), der hervorhebt, dass es sich um ein von Scamozzi eigenhändig apostilliertes und korrigiertes Exemplar von Serlios Büchern handelt.

 

Einige der Anmerkungen, Korrekturen, Verweise Scamozzis werden exemplarisch in dieser Kabinettausstellung des ZI präsentiert und analysiert.

 

> Scamozzis Postillen

> Ausgabe Venedig 1551 der Bücher Serlios mit Scamozzis Postillen