Bei der ersten, 1551 in Venedig publizierten Gesamtausgabe von Sebastiano Serlios (1475-1554) Libri d’architettura mit eigenhändigen, italienischsprachigen Annotationen von Vincenzo Scamozzi (1548-1616) handelt sich um eines der ganz wenigen überkommenen annotierten Bücher aus dem Besitz des auch für seine breite Gelehrsamkeit bekannten Palladio-Nachfolgers Vincenzo Scamozzi.

Die in brauner Tinte mit der Feder geschriebenen Anmerkungen konzentrieren sich im dritten, vorwiegend der antiken Architektur gewidmeten Buch. Einigen Postillen befinden sich auch im vierten Buch, das die Säulenordnungen behandelt. Es handelt sich einerseits um in kleiner Kursivschrift verfasste Marginalien mit Textkommentaren, andererseits um eher kalligraphisch geschriebene Zusätze, meist zu den Tafeln, namentlich Maßstäbe sowie weitere Maßangaben. Bei einer offensichtlich zusammen mit dem überkommenen Einband vorgenommenen Beschneidung des Buchblocks wurden die über den Rand hinausgehenden Marginalien und Tafelpartien mit wenigen Ausnahmen bewahrt und umgeklappt. Einige der Randnotizen stammen von einer zweiten Hand.

Serlios überaus einflussreiche Bücher zur Architektur haben eine auch infolge seines Aufenthaltes in Frankreich komplizierte Editionsgeschichte. Am vollständigsten war letztlich die Ausgabe Venedig 1619. Das sechste Buch, den Wohnbau behandelnd, blieb jedoch bis 1966 unveröffentlicht. Eine der beiden Manuskriptfassungen dieses Buches befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Cod. icon. 189), ebenso wie das Manuskript „Della castrametatione di Polibio“ (Cod. icon. 190).

Die Akquisition bereichert die umfangreiche Sammlung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte an Architekturtraktaten, die u.a. auch die Vitruv-Kollektion aus der Bibliothek Bodo Ebhardt umfasst. Es handelt sich um eine bislang offensichtlich unbekannt gebliebene kunsthistorische Quelle ersten Ranges. Durch die vom ZI vorgenommene Digitalisierung des Buches und die Online-Verfügbarmachung auf dem Multimedia-Server des Bibliotheksverbunds Bayern steht sie der Forschung ohne die für das Original leider notwendigen Konsultationseinschränkungen zur Verfügung.