Scamozzis Postillen

Unter Humanisten war es üblich, Postillen in Bücher zu schreiben. Ein gutesBeispiel dafür bildet die Bibliothek des Pietro Vettori (1499–1585), die inder Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird. Von Künstlern und Architekten ist so etwas dagegen nur ausnahmsweise bekannt. Scamozzi bildet die bei Weitem markanteste Ausnahme. Später hat ihm Inigo Jones (1573–1652) auf diesem Feld nachgeeifert. Scamozzis Postillen erweckten seit jeher Interesse.Schon im 18. Jahrhundert wurde ausführlich über sie berichtet; seine Postillenin zwei Architekturbüchern wurden damals sogar abgeschrieben: nämlich diejenigen in Hans Blums Säulenbuch (1550) und in Giovanni Battista BertanisTraktat über die ionische Säulenordnung (1558).

 

Scamozzi hat selbst überliefert, wie umfangreich seine Bibliothek war; etlicheBücher mit seinen Exlibris sind erhalten, darunter auch zwei, die er annotierthat: ein Exemplar von Daniele Barbaros Vitruv-Kommentar (1567), das mitLeopoldo Cicognaras Bibliothek in den Vatikan gelangte, und die Giunta-Editionvon Vasaris ‚Viten‘ (1568), die 1997 mit der Bibliothek von Giannalisa Feltrinelliversteigert wurde; in Lucio Faunos Romführer (1553) hat er einige wenigeAnmerkungen geschrieben, in Guillaume Philandriers Vitruv-Kommentar hat erdiverse Stellen unterstrichen (1544).

 

Scamozzi verteilte seine Kommentare nicht gleichmäßig über die Texte, sondernsetzte Schwerpunkte, so in Barbaros Vitruv-Kommentar auf Stellen, zu denen Serlio wichtige Beträge geleistet hatte, in Vasaris ‚Viten‘ auf die Säulenordnungen, eigenartigerweise nicht auf die Architekten der Hochrenaissance, sondern auf diejenigen der Frührenaissance, Brunelleschi und Alberti, obwohl er sie nicht sonderlich schätzte. Seine Postillen zu Serlio konzentrieren sich auf die beiden entscheidenden Bücher, dasjenige über die Säulenlehre und besonders auf dasjenige über die antiken Bauten. In Barbaros Vitruv-Kommentar hat Scamozzi ausführlich notiert, dass er mit seinen Notizen 1574 begonnen habe, als er das Buch erstmals las, und es dann noch zweimal durchgearbeitet habe. Die Vasari-Postillen entstanden wohl nach 1602. Die Datierung der Notizen in den anderen Büchern einschließlich Serlio ist offen. Vielleicht standen die Serlio-Postillen in Zusammenhang mit der neuen Edition von Serlios Büchern (1584). Für drei von ihnen lassen sich termini post quem von 1574, 1579 und 1582 feststellen. Einige von ihnen gleichen den Kommentaren von Scamozzis Index zu Serlio. Aber sicher dienten diePostillen nicht konkret für die Vorbereitung der neuen Edition. Welchen Sinn siestattdessen hatten, ist ebenso wie bei den anderen Büchern schwer zu präzisieren.Zumindest manche von ihnen können kaum spontan entstanden sein, weil sie Angaben enthalten, die umständlich ermittelt werden mussten. Anscheinend waren sie weniger privat gemeint, als sie zunächst wirken mögen, sondern wandten sich auch an die Öffentlichkeit der Nachwelt, die dementsprechend reagiert und sich rege für die Postillen interessiert hat. Eine der Postillen in Serlios Büchern ist sogar signiert und im Pluralis auctoris abgefasst, den Scamozzi in seinem Architekturtraktat ausdrücklich als die angemessene Redeform in Publikationen bezeichnet.

 

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