Postillen Scamozzis zum Marcellustheater

Das Marcellustheater galt in der Renaissance, obwohl es beträchtlich beschädigt und überbaut war, neben dem hoch bewunderten Pantheon als einer der idealen Bauten der Antike. Zwei Gründe waren dafür maßgeblich: Einerseits erschien der Bau als Paradigma eines antiken römischen Theaters, weil seine Disposition weitgehend mit der von Vitruv als Norm für römische Theater im Allgemeinen beschriebenen übereinstimmt. Andererseits boten die Schauspielhäuser, das Marcellustheater wie das Kolosseum, die besten Beispiele für Blendgliederungen mit Säulenordnungen zwischen Arkaden, und dieses Motiv prägte die Baupraxis der Renaissance; es war ungleich wichtiger als die von Vitruv beschriebenen freistehenden Säulenportiken.
Neben dem Grundriss des Marcellustheaters stellt Scamozzi eine Berechnung an, die Disposition und Funktion eines Theaters betrifft: Er ermittelt aus dem Durchmesser die Fläche des Baus. Damit vergleicht er die Anzahl der Zuschauer, die in der antiken Literatur mit 30.000 angegeben ist. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass demnach nicht einmal 2 Fuß Platz pro Zuschauer bleiben würden. Damit wenigstens soviel Platz bleibt, muss man die gesamte Grundfläche des Baus mit Zuschauern füllen, das heißt, man muss, wie es Scamozzi an anderer Stelle tut, annehmen, dass es ein drittes Obergeschoss mit Sitzreihen gab. Mit ähnlichen, vielleicht differenzierteren Kalkulationen operieren die Archäologen bis heute.
Beim Text zum Aufriss des Kolosseums nimmt Scamozzi ausführlich zu dem Stellung, was Serlio über die Säulenordnungen sagt. Die Gliederung des Marcellustheater bewertet Serlio im Ganzen wie damals üblich als besonders qualitätvoll. Allerdings stößt er sich daran, dass sie an einigen wesentlichen Stellen von dem abweicht, was Vitruv beschreibt. Dieser Zwiespalt veranlasst ihn, hier seine Methode grundsätzlich offenzulegen. Er bekennt sich rückhaltlos zu Vitruv als Maßstab für die Normen architektonischer Gestaltung. Realiter weichen seine Säulenlehre und manchmal auch seine Bewertung antiker Bauten jedoch beträchtlich von Vitruv ab. Scamozzi reagiert mit seinen vielen Postillen neben dem Text zum Marcellustheater hauptsächlich auf Serlios Grundsatzerklärung. Der volle Gehalt der kurzen Kommentare erschließt sich erst im Vergleich mit Scamozzis Architekturtraktat. Scamozzi relativiert die Verbindlichkeit von Vitruvs Regeln mit diversen Argumenten, vor allem aus dem Grund: „Die Ratio zählt mehr als alle Autoritäten und antiken Beispiele.“ Wo das nicht ausreicht, um die Abweichungen des Marcellustheaters von den Regeln zu erklären, erfindet er die neue Entschuldigung, die Gliederung sei aus Spolien zusammengesetzt. Zudem weist er Serlio nach, wo er nicht logisch ist. Allerdings gelingt es auch Scamozzi mit seiner Berufung auf die Ratio nicht konsequent, die Widersprüche zwischen der Forderung nach allgemeingültigen Normen, Vitruvs Regeln und den antiken Bauten zu eliminieren..

 

Autor: Hubertus Günther

 

 

 

 

Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXVI
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXVII

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