Postillen Scamozzis zu den Theatern und Arenen

Antike Schauspielhäuser, Theater und Arenen, erregten Scamozzis besonderes Interesse. In seinem Architekturtraktat streift er das Thema nur. Dieie geplanten Bücher über öffentliche Bauten nicht ausführte. Aber er hat eine eigene Abhandlung darüber entworfen, die in einer Abschrift überliefert ist. Sie ist nur kurz, basiert jedoch auf eingehenderen Studien. Von ihnen zeugt bereits Scamozzis ausführlicher Kommentar zum Kolosseum in den ‚Discorsi sopra l’antichità di Roma‘ (1582).
Zu Serlios Text über das Marcellustheater notiert er, dass er den Bau eigenständig untersucht habe. Das Manuskript über Schauspielhäuser behandelt besonders Rekonstruktion und Funktion. Für die Rekonstruktion von Theatern stand Vitruv zur Verfügung, zudem einige Bauten, vor allem das Marcellustheater. Deshalb geht Scamozzi auch in seinen Postillen zum Vitruv-Kommentar des Daniele Barbaro darauf ein. Da Vitruv Arenen nicht berücksichtigt, konnte sich deren Rekonstruktion nur auf gebaute Beispiele stützen. Allerdings waren mehr davon erhalten als von Theatern, besonders das Kolosseum, zudem die Arenen in Verona und Pola (Pula), die Serlio im ‚dritten Buch‘ alle behandelt (S. 64-69, 72-79).
Die Studien zu den Schauspielhäusern haben sich in den Postillen zum Marcellustheater darin niedergeschlagen, dass Scamozzi berechnet, wie die von der antiken Literatur angegebene Menge der Zuschauer in den Bau passen würde. Diese Berechnung fehlt im Manuskript zu den Schauspielhäusern. Dort aber prüft er mit der gleichen Methode die überlieferte Menge der Zuschauer im Kolosseum und gelangt dahin, die Angaben der Literatur ähnlich wie heutige Archäologen zu korrigieren. Bereits in den ‚Discorsi‘ weist Scamozzi auf eine eigene Illustration hin, in der er das Kolosseum rekonstuiert hat. Sie ist nicht bekannt. Um was es ihm hauptsächlich ging, demonstriert er bei Serlios Querschnitt: Er geht der Frage nach, wie das obere Geschoss innen rekonstruiert werden soll. Bis heute erhalten sind die Sitzreihen in den beiden unteren Geschossen und im dritten Geschoss statt Stufen eine Ringmauer mit Umgängen dahinter (realiter erheblich niedriger als bei Serlio). Darüber, nimmt Scamozzi an, müssten wieder Sitzplätze gewesen sein, und zwar am ehesten da, wo die inneren Treppen münden, bei der Linie ABC, die er eingezeichnet hat. Diese Stufen, schreibt er weiter, seien wohl nur aus Holz wie ursprünglich bei den oberen Sitzreihen des Circus Maximus gewesen, denn die Ringmauer sei zu dünn, um steinerne Stufen wie in den unteren Geschossen zu tragen. Die heutigen Archäologen stimmen mit dieser Rekostruktion überein. Im Manuskript zu den Schauspielhäusern rekonstruiert Scamozzi für das Marcellustheater ein drittes Obergeschoss mit Sitzplätzen. Das wird ebenfalls noch immer angenommen.

 

Autor: Hubertus Günther

 

 

 

 

Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite XLVI
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite "LVII" [XLVII]
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXXII
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite [LXXIII]
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXVIII
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXIX

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