Postillen Scamozzis zu den Säulenordnungen

Die Säulenordnungen wurden in der Renaissance als das Ordnung konstituierende Element der Architektur angesehen. Das drückt die Bezeichnung „ordine di colonne“ aus. So sah es schon zu Beginn der Renaissance Antonio Manetti (1423–1497) in seiner Vita Brunelleschis; diese Ansicht vertrat auch Scamozzi in seinem Architekturtraktat.
Die Bedeutung von Serlios Traktat besteht darin, dass es erstmals den Kanon der Säulenordnungen publizierte, der sich im Lauf der Hochrenaissance konstituiert hatte und der im Kern solange Bestand hatte, wie Säulenordnungen verwandt wurden. Das Buch über die Säulenordnungen brachte Serlio zuerst heraus, obwohl es erst als vierter Teil seines Traktats vorgesehen war (1537). Dann folgte das Buch über die antiken Bauten, das den dritten Teil bilden sollte (1540). Serlio demonstriert im ‚vierten Buch‘ nicht nur, wie die Säulenordnungen aussehen sollten, sondern er begründet auch, warum sie so aussehen sollen. Im ‚dritten Buch‘ stellt er nicht nur die antiken Bauten vor, sondern behandelt auch, in welchem Verhältnis deren Gestaltung zu den von ihm aufgestellten Normen steht. Die beiden Bücher gehören zusammen. Scamozzis Kommentare zu Serlio konzentrieren sich auf sie. In seinem Architekturtraktat weicht Scamozzi oft im Einzelnen von Serlios Normen und Begründungen dazu ab. Aber anders als die wichtigsten auf Serlio folgenden Säulenlehren, diejenigen Blums, Vignolas, Palladios, nimmt er Serlios Form des Diskurses auf und begründet seine Gestaltung der Säulenordnungen, teilweise offenbar unter Bezug auf Serlio.
In der Postille zur tuskischen Säulenordnung (‚viertes Buch‘, fol. 6r) geht es um die Piedestale. Sie bildeten einen festen Bestandteil der Säulenordnungen in der Renaissance, obwohl sie in der Antike oft fehlten und, wie Serlio zutreffend feststellt, weder Vitruv noch andere antike Autoren Regeln für sie angeben. Scamozzi versucht, die Einbeziehung der Piedestale in die Säulenlehre zu rechtfertigen. In dieser Absicht hält er hier Serlio entgegen, dass Piedestale mehrfach in der antiken Literatur erwähnt werden, auch bei Vitruv. Allerdings hält er zurück, dass dort keine allgemeingültigen Normen gegeben werden. Hier wird das grundsätzliche Problem berührt, die in der Renaissance gern verschwiegene Diskrepanz zu überbrücken, die zwischen der eigenen regularisierten Säulenlehre und Vitruvs gewachsenen Handwerksregeln bestand. Allerdings hält er zurück, dass dort keine generellen Normen gegeben werden. Hier wird das generelle Problem berührt, die gern verschwiegene Diskrepanz zu überbrücken, die zwischen der Säulenlehre der Renaissance und Vitruvs einschlägigen Handwerksregeln bestand.
Serlio gibt wie Vitruv an, das korinthische Kapitell solle so hoch sein wie der untere Säulendurchmesser. Scamozzi kommentiert, auf diese Weise wirke das korinthische Kapitell aber ungebührlich gedrückt (‚viertes Buch‘, fol. 48r). Tatsächlich wurde es sowohl in der Antike als auch in der Renaissance gewöhnlich schlanker proportioniert, so etwa am Pantheon oder am Trajansbogen in Ancona, dessen Gestaltung Serlio als geradezu ideal bewertet (‚drittes Buch‘, S. 124). Scamozzi weist in seiner Postille auf diesen Widerspruch hin. Nicht nur für Scamozzi, sondern für die Renaissance im Ganzen waren, wie aus der einschlägigen Literatur hervorgeht, solche Details wichtig. Im Übrigen stand hinter dem Detail eine grundsätzliche Frage: Was sollte die Leitlinie bei der Renaissance der Architektur bilden? Sollte man eher Vitruv oder den antiken Bauten folgen?
Der Arco dei Gavi in Verona ist der einzige Bau, dessen Illustration Scamozzi ausführlich kotiert (‚drittes Buch‘, S. 131). Die Maße hat er nicht selbst ermittelt, sondern aus Serlios Text genommen, nur hat er die dort angegebenen Teileinheiten in Brüche umgerechnet. Der Sinn dieser Umrechnung bestand wohl darin, dass sich mit den Brüchen leichter Divisionen durchführen lassen und auf diese Weise leichter die Proportionen der Säulenordnungen ermittelt werden konnten. Die Absicht, die Gestaltung gerade dieses Monuments näher zu untersuchen, hing sicher damit zusammen, dass es damals manchmal Vitruv, dem Verfasser des Architekturtrakts, zugeschrieben wurde. Es trägt nämlich die Inschrift „L. VITRVVIVS. L. L. CERCO/ ARCHITECTVS“. Schon Serlio tritt dieser Zuschreibung mit einem stilkritischen Argument entgegen..

 

Autor: Hubertus Günther

 

 

 

 

Sebastiano Serlio, Regole generali di architettura, 1551, folio XLVIII recto
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite CXXXI
Sebastiano Serlio, Regole generali di architettura, 1551, folio "VI recto" [V recto]

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