Ausgabe Venedig 1551 der Bücher Serlios mit Scamozzis Postillen

Das Exemplar der 1551 in Venedig (Verlag Cornelio Nicolini) gedruckten Sammelausgabe von Serlios ersten fünf Büchern wurde 2010 auf der Antiquariatsmesse im Grand Palais bekannt und daraufhin von der Ernst von Siemens Kunststiftung als Dauerleihgabe für das ZI erworben. Es stammt aus der Bibliothek des Vicentiner Architekten Vincenzo Scamozzi (1548–1616). Scamozzi hat auf der Titelseite sein Exlibris geschrieben und den Inhalt an zahlreichen Stellen kurz eigenhändig kommentiert.

 

Der französische Maler und Kunsttheoretiker Charles-Alphonse Dufresnoy (1611–1668) erwarb das Buch anscheinend während seines Aufenthaltes in Venedig (1653–1654). Sein Exlibris, obwohl später teilweise getilgt, ist noch kenntlich zusammen mit dem Datum 7. Mai 1654. Auch Dufresnoy hat einige Anmerkungen im Text hinterlassen, verfasst in französischer, lateinischer und, da er zwanzig Jahre in Italien verbracht hatte, in italienischer Sprache. In Venedig wurde das Buch anscheinend neu gebunden und mit seinem jetzigen Pergamenteinband versehen. Dabei wurden die Seiten allseits um ca. 13 mm beschnitten, aber die Ränder, auf denen Scamozzis Postillen geschrieben sind, blieben pietätvoll ausgespart,die erhaltenen Papierstreifen wurden eingeknickt. Vermutlich brachte Dufresnoy den Band bei seiner Heimkehr nach Frankreich. Auf der Rückseite des Vorsatzblattes befindet sich ein französischer Vermerk aus dem 18./19. Jahrhundert, das Buch sei bemerkenswert, weil Scamozzi es besessen, mit Postillen versehen und die Maßangaben fast durchgehend verifiziert habe.

 

Scamozzi hatte eine besondere Beziehung zu Serlio. Gerade seine frühen Bauten zeigen neben Palladios Einfluss auch deutliche Reminiszenzen an Serlio, und seine Architekturtheorie ist von Serlio trotz der inzwischen erschienenen einflussreichenTraktate nachhaltig geprägt. Anscheinend kam Scamozzi durch seinen Vater Gian Domenico mit Serlios Werk in Berührung. Gian Domenico lernte, wie aus den Postillen hervorgeht, Serlio noch persönlich kennen und studierte dessen Bücher, plante vielleicht schon eine Edition. Von ihm mag Scamozzi sein Exemplar geerbt haben. Als es erschien, war er erst drei Jahre alt. Scamozzis Exemplar bildet die erste Sammelausgabe der fünf bisher publizierten Bücher Serlios. Der Verlag Francesco de’ Franceschi in Venedig, auf dessen Programm auch andere wichtige Bücher zur Architektur standen, brachte 1566 eine neue Sammelausgabe von Serlios fünf Büchern heraus. In dem gleichen Verlag publizierte Scamozzi 1584 eine weitere neue Sammelausgabe, erweitert um das ‚siebte Buch‘, dessen Manuskript der Kunsthändler Jacopo Strada erworben und 1575 in Frankfurt publiziert hatte. Scamozzi redigierte den Text leicht und fügte einen Index an, der die Stichpunkte nicht nur auflistet, sondern auch gleich, im Prinzip und manchmal auch im Detail ähnlich wie die Postillen, kritisch kommentiert. In der nächsten Auflage (1600) modifizierte er Text und Index geringfügig und fügte einen Diskurs über den Beruf des Architekten an, den er seinem Vater zuschrieb. Eine dritte, wieder minimal modifizierte Auflage erschien nach seinem Tod 1619.