Ägyptische Monumente

Serlio behandelt ägyptische Monumente an drei Stellen des ‚dritten Buchs‘: Auf Seite 63 stellt er die Obelisken vor, die nach Rom gebracht wurden, und verweist dabei auf die Abhandlung in der „Naturgeschichte“ des Plinius über sie; auf Seite 94 referiert er, was ihm der Kardinal Marco Grimani über die Cheopspyramide von Gizeh und die Sphinx berichtete; am Ende des Buchs (S. 154 f.) gibt er ausführlich den seinerzeit viel beachteten, schon von Filarete ausgewerteten Bericht des Diodorus Siculus über ägyptische Bauten wieder und kommentiert die gigantischen Werke mit deutlichem Anklang an Plinius. Die Behandlung der ägyptischen Monumente fällt aus dem Rahmen des ‚dritten Buchs‘ – nicht nur weil hier einmal ein Gegenstand weitab von Italien berührt wird, während die hoch berühmten griechischen Tempel, weil sie angeblich alle zerstört seien, und ebenso die damals oft als schönster Bau der Welt angesehene Hagia Sophia fehlen, sondern auch weil Serlio sich in diesem Zusammenhang auf antike Literatur jenseits von Vitruv beruft.

 

Scamozzi reagiert mit seinen Postillen zu den Monumenten von Gizeh ebenso ungewöhnlich. Mit seiner umfassenden Kenntnis der antiken Literatur und dem vorzüglichen neuen Romführer von Lucio Fauno, den er besaß, wäre es leicht für ihn gewesen, Serlios Angaben zu Geschichte und Funktion der Bauten zu kommentieren, und er hätte reichlich Gelegenheit gehabt, sie zu korrigieren, denn auf diesem Gebiet war Serlio wenig interessiert und schlecht informiert. Aber Scamozzi hält sich an Serlios Richtlinie, dass historische Daten im ‚dritten Buch‘ wenig zählen, weil es um die Gestaltung geht.

 

Nur bei den Pyramiden stellt er seine Gelehrsamkeit zur Schau: Er zählt auf, welche antiken Schriftsteller über Gizeh berichtet haben, mit genauen Angaben, an welchen Stellen sich die entsprechenden Passus befinden (Plinius, Herodot, Strabo, Pomponius Mela; Diodor läßt er anscheinend mit Rücksicht auf Serlios Abhandlung am Ende des ‚dritten Buchs‘ aus). Diese Schriften hat er exzerpiert und die Exzerpte in einer besonderen Sammlung geordnet (‚Sommari‘).

 

Vor allem weist Scamozzi darauf hin, dass es auch einen ausführlichen modernen Bericht über die Pyramiden gab, nämlich denjenigen des bekannten Historikers Pietro Martire d’Anghiera, der 1501/02 als spanischer Botschaft an den Hof des Sultans von Ägypten ging. Der Bericht erschien erstmals 1516 in dessen Büchern ‚De legatione babylonica libri‘. Scamozzi benutzte, der angegebenen Seitenzahl nach, die Ausgabe von 1574.

 

In seinem Index zur Serlio-Edition weist Scamozzi oft auf Serlios Angaben über die ägyptischen Bauten hin. Sein Architekturtraktat behandelt Ägypten flüchtig im Zusammenhang mit einem Überblick über die antike Architektur.

 

Die Postillen in der gröberen Handschrift stammen wohl von Charles-Alphonse Dufresnoy, der das ausgestellte Serlio-Exemplar nach Scamozzi besaß. In seinem lateinischen Kommentar neben der Cheopspyramide paraphrasiert er die Beschreibung seines Landsmanns Pierre Belon, der 1547–1549 durch den Nahen Osten bis nach Ägyptern reiste. Belons Reisebericht erschien seit 1553 in vielen Ausgaben in französischer und lateinischer Sprache.

 

Autor: Hubertus Günther

 

 

 

 

Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite XCIIII
Sebastiano Serlio, Il terzo libro d'architettura, 1551, Seite LXIII

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